Mit rund 220 Besuchern war der Oelixdorfer Gasthof „Unter den Linden“ am 11. März 2013 rappelvoll. Die BIAB e. V. und die BUND-Kreisgruppe Steinburg hatten zu einer Info-Veranstaltung über den Schadstoffausstoß des Zementwerkes der Firma Holcim in Lägerdorf eingeladen. Wie berechtigt die Sorgen der Menschen im Umland vor Gesundheitsgefahren durch die Zementproduktion sind, zeigten die fesselnden Vorträge von vier hochkarätigen Sachverständigen unter der Leitung von Moderator Rainer Guschel (BUND).

Zementwerk ist Müllverbrennungsanlage

Der BIAB-Rechtsanwalt und Diplom-Physiker Dr. Wilhelm Mecklenburg stellte klar, dass in dem Zementwerk Lägerdorf Müll verbrannt werde und das Werk eindeutig eine Müllverbrennungsanlage sei. Daran ändere auch die beschönigende Bezeichnung „Ersatzbrennstoffe“ nichts. Würde zu 100 % Müll verbrannt, müssten also die Kriterien und Grenzwerte für Müllverbrennungsanlagen berücksichtigt werden. Ein weiterer Problempunkt sei die Weigerung Holcims, zum Schutz der Bürger Filter nach den besten verfügbaren Techniken (BVT) einzubauen.

Verdoppelung des Quecksilber-Ausstoßes in Sicht

Für jede Menge Gesprächsstoff sorgte auch die Absicht Holcims, in Lägerdorf jährlich 2 Millionen Tonnen Müll und Klärschlamm zu verbrennen. Schon jetzt stößt das Zementwerk hochgiftiges Quecksilber aus. Fast 1/5 der gesamten Quecksilber-Emissionen aller Zementwerke in Deutschland gehen auf das Konto des Lägerdorfer Zementwerks. Im Rahmen einer Sondergenehmigung darf Holcim seine Quecksilber-Emissionen in Lägerdorf sogar auf 189 kg pro Jahr gegenüber dem jetzigen tatsächlichen Ausstoß verdoppeln – obwohl die EU Quecksilber-Emissionen stark einschränken will.

Kritik an der behördlichen Genehmigungspraxis

Da wird ein Weltkonzern von einem Landesamt protegiert, das allen Ausnahmeanträgen in der Regel auch stattgibt“, kritisierte der Brokdorfer Diplom-Meteorologe Dr. Karsten Hinrichsen die bisherigen Genehmigungen, die das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) erteilt hat. „Im vergangenen Jahr hat das Zementwerk rund 100 kg Quecksilber ausgestoßen. Das ist vergleichbar mit dem Inhalt von 40 Millionen Energiesparlampen", erklärte er anschaulich.

Holcim behauptet, der neue Quecksilbergrenzwert von 189 kg jährlich werde praktisch nie erreicht. Das meiste Quecksilber befinde sich in der Kreide und könne bei der Produktion nicht ganz eliminiert werden. Dr. Hinrichsen ist anderer Meinung: „Holcim hat bisher nicht nachweisen können, dass der Großteil des Quecksilbers tatsächlich aus der Kreide kommt.“ Er vermutet, das Quecksilber stamme hauptsächlich aus den Klärschlämmen. Das erkläre auch, warum der Grenzwert von 189 kg so hoch angesetzt ist: Holcim wolle sich einen Puffer für die Verbrennung von belastetem Müll schaffen.

Feinstaub – die unsichtbare Gefahr

Die Feinstaub-Emissionen von Holcim/Lägerdorf liegen unter den gesetzlichen Grenzwerten. Doch der Toxikologe Dr. Hermann Kruse von der Universität Kiel hält die Menge der mikroskopisch kleinen Staubpartikel im Umfeld des Zementwerks für viel zu groß Zwar sei der feine Staub im Vergleich zu der grauen Staubschicht vergangener Zeiten nicht sichtbar, dafür aber weitaus gefährlicher. „Die Feinstaubbelastung in der Umgebung des Zementwerkes ist so hoch wie in einem Industriegebiet“, erklärt der Kieler Wissenschaftler. Im Feinstaub enthaltene Schadstoffe wie Blei, Kadmium und sogar Dioxine könnten Bronchitis und Husten verursachen und seien eine große Gefahr für Asthmatiker. Zudem können sie das Immunsystem schädigen und zu einer erhöhten Sterblichkeit führen. „Aus meiner Sicht liegt die Sterberate rund um Lägerdorf 0,7 % über dem Durchschnitt", so das erschreckende Fazit von Dr. Kruse.

Schadstoff-Emissionen bedrohen Landwirtschaft

Auch der Bodenkundler Dr. Sven Wiegmann verwies auf die erheblichen Risiken, die angesichts der genehmigten Grenzwerte bestehen. Diese betreffen auch die Landwirte in der Region. „Die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln werden nicht von den Behörden, sondern von Aldi, Lidl und Hipp vorgegeben", so Wiegmann. Sobald Schadstoffe in Eiern, Milch oder Fleisch nachgewiesen würden, lassen sich diese Lebensmittel nicht mehr verkaufen. Das könne in 20 Jahren der Fall sein – oder schon morgen.

Deutlich geringere Quecksilbergrenzwerte für Industriegebiet Brunsbüttel

Die Wilstermarsch sei bisher am stärksten durch Schadstoffe belastet. Milch aus dieser Region werde daher in der Breitenburger Milchzentrale mit Milch aus anderen Gebieten gemischt, erklärte der Bodenkundler Wiegmann. Auch zu den Grenzwerten für Quecksilber-Emissionen hatte er interessante Fakten beizutragen. Das Industriegebiet Brunsbüttel einschließlich aller Werke und der Sonderabfallverbrennungsanlage SAVA dürfe jährlich nicht mehr als 18 kg Quecksilber ausstoßen. Das ist weniger als 1/10 der in Lägerdorf erlaubten Menge.

Die BIAB kämpft weiter

Angesichts dieser bedrückenden Erkenntnisse wurde erneut deutlich, wie die Firma  Holcim Profit auf Kosten der Gesundheit der Bürger macht. Für die Betroffenen ist klar: Die Schadstoffbelastung für Menschen, Umwelt und Landwirtschaft muss maximal reduziert werden. Dafür engagiert sich der Umweltverband BIAB e. V. auch weiterhin – zum Beispiel mit seiner aktuellen Klage gegen die lockere Genehmigungspolitik der Behörden gegenüber dem Zementwerk Holcim.